MÄRCHENERZÄHLEN

Das Märchenerzählen ist seit zehn Jahren Herz und Seele der Arbeit der Stiftung Világszép. Gesprochene Märchen sind die Brücke, mit der wir eine Verbindung zu Kindern in Kinderheimen bauen können, unsere regelmäßigen Besuche bieten die Chance ein sicherer Punkt im ständigen Wandel unterworfenen Leben der Kinder zu sein. Unsere Ehrenamtlichen verbringen wertvolle Zeit mit den Kindern, versuchen mit offener Aufmerksamkeit vertraute Momente voller Freude in den Alltag der Kleinen und Großen zu schleusen und ihnen mit den Märchen eine wichtige Botschaft zu übermitteln: “Am Ende wird alles gut.” 

Unsere ehrenamtlichen Märchenerzähler besuchen jede Woche vier Kinderheime in Budapest. Das Märchenerzählen verläuft nach einem gewohnten Ritual: Am Abend kommen wir an, die Kinder erwarten uns nach dem Abendbrot bereits am gewohnten Platz, in der Märchenecke, auf der Wohnzimmercouch oder eingekuschelt in ihren Betten. Bei uns tragen wir “Märchenduft” (ein Geschenk von Aromatherapeutin Adrienn Feller an die Stiftung), der auf die Hände oder Plüschtiere der Kinder geträufelt dabei hilft, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen. Vor und nach dem Märchen unterhalten wir uns. Kinder in Kinderheimen bekommen oft nur wenig individuelle Aufmerksamkeit, so ist es eines der Hauptziele, dass auch sie die heimeligen Momente und das Erzählen vor dem Schlafengehen erfahren können. Wir beginnen das Märchen mit einem Vers, verabschieden uns ebenso und geben so dem Geschehen einen Rahmen. 

Wir arbeiten mit Volksmärchen, Legenden und traditionellen Erzählungen, die wir nie “erklären”, “interpretieren” oder über wir die Kinder ausfragen. Diese Erzählungen sind an sich schon geeignet, um Zauber in den Alltag der Kinder zu bringen, und sie enthalten solche Symbole und märchenhafte Sprache, mit der sie ihre Ängste, Träume und Hoffnungen gefahrlos erleben können. Wir glauben, dass Märchen gelebter, alltäglicher Zauber sind: Sie entstehen genau in dem Moment, in dem die Worte zwischen Erzähler und Zuhörer erklingen, und nehmen genau die Form an, wie es der Persönlichkeit des Erzählers und Zuhörers in diesem nie zu wiederholenden Moment am besten entspricht. Auch deswegen ist unser Märchenprogramm an keine Altersstufe gebunden: Wir erzählen nicht nur Kindergarten- und Schulkindern, sondern auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bereits in der Nachsorge sind. Jede Altersgruppe hat ihre ganz eigenen Geschichten. Die von den Ehrenamtlichen genutzte Märchenbibliothek wird jeden Monat von Dr Csenge Zalka, internationaler Storytellerin unserer Stiftung, aus den unerschöpflichen Märchenschätzen der Welt zusammengestellt. Einzelnen Exemplaren dieser außergewöhnlichen Sammlung kannst du in der Märchenrubrik des Frauenmagazins Nők Lapja begegnen oder aus unserer digitalen Märchendatenbank herunterladen. Unsere regelmäßigen Unterstützer erhalten vierteljährlich Märchenpost, eine direkt dafür thematisch zusammengestellte Auswahl an Geschichten. 

“Märchen sind nicht dafür da, um Kinder glauben zu machen, dass es Drachen wirklich gibt. Kinder wissen bereits, dass es Drachen gibt. Märchen sind dafür da, um zu zeigen: Drachen können besiegt werden.” (nach G.K. Chesterton)

Über unser ehrenamtliches Märchenerzählerprogramm kannst du mehr auf unserer “Ehrenamtliche”-Seite erfahren. 

Wie es sich anfühlt, Világszép-Ehrenamtliche(r) zu sein? 

“Als ich eintrat, ranten Kinder kreuz und quer schreiend über Tische im Zimmer. Ich setzte mich hin und begann zu erzählen, aber die Kinder riefen dazwischen, dass sie nicht dieses, sondern ein anderes Märchen möchten. Zur Hälfte des Märchens angelangt war Stille eingekehrt, drei Kinder lauschten mir mit leuchtenden Augen und warteten gespannt darauf, was passieren würde. Es ist eines der schönsten Gefühle der Welt, so mit ihnen zu sein.” 

Judit Brazsó, ehrenamtliche Märchenerzählerin

Nach dem Märchen fragte ein kleiner Junge, ob ich mir anhören würde, wie er Klavier spielt. Im Flur stand ein Pianino, dort begann er zu spielen und er war geschickt. Natürlich nicht perfekt, aber geschickt und ich sah ihm an, dass es ihm wichtig ist, dass er sein Können jemandem präsentieren kann. Da wurde mir schlagartig bewusst, dass eine Kleinigkeit, wie sich jemandem mit wirklichem Interesse und Aufmerksamkeit zuzuwenden, wie wichtig das ist. Er spielte mir alle drei Melodien vor, die er kannte und ich konnte sehen, wie glücklich es ihn macht, dass ich ihm zuhöre.” 

Ágnes Keresztury, ehrenamtliche Märchenerzählerin 

Unsere ehrenamtlichen Märchenerzähler verpflichten sich für ein Jahr neben der Arbeit der Stiftung (dies wird dann in beidseitigem Einverständnis jährlich im Herbst verlängert). Damit versichern sie, mindestens einmal pro Monat das Kinderheim zu besuchen, zu dessen Märchenmannschaft sie gehören. Jede Woche kommen zwei Világszép-Märchenerzähler ins Heim. Die Erzähler gehen zu zweit, um den Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken und die Aufgaben rund ums Märchenerzählen untereinander aufteilen zu können. Dank der regelmäßigen Besuche entwickelt sich ein freundschaftliches, vertrautes Verhältnis zwischen Erzählern und Kindern, welches Raum für die gemeinsamen Märchenerlebnisse bietet. Die Stiftung hält einen viertägigen Märchenerzählerkurs, regelmäßige Supervisionen, Seelenerfrischer-Treffen und Weiterbildungen für die Ehrenamtlichen ab.